Wort des Monats: Der Lichtbildausweis

September 2017

Jeder Bahnfahrer kennt das: Früher oder später gerät man an einen Schaffner, Pardon: Zugbegleiter, dem langweilig ist. Und zwar nicht nur langweilig, sondern laaaaaaangweilig ... Dann sucht er sich eine sinnvolle Beschäftigung und kontrolliert bereits dreimal abgezwickte Fahrscheine nochmal ganz gründlich. Bei allen. Aber ganz gründlich. Dann studiert er die Bahncards, ebenfalls ganz gründlich. Also wirklich gründlich. Und wenn man dann an einen geraten ist, der Langeweile aber wirklich gar nicht aushält, verlangt er einen Lichtbildausweis.

[Man könnte hier eine Fußnote machen und darauf hinweisen, dass er das laut "Nutzungshinweisen" gar nicht darf, aber wer liest schon das Kleingedruckte?]

Naturgesetz No. 1: Das passiert nur an Tagen, wo man keinen dabeihat.

Nun ist das Schöne an Großraumwaggons, dass man bei der nun folgenden empörten Szene zu den Themen "Kundenfreundlichkeit", "Generalverdacht", "Schikane" und "da lachen ja die Hühner" ein ausreichend großes Publikum hat. – Aber hier soll es ja um Wörter gehen, also:

Der LICHTBILDAUSWEIS

ist ein ob seiner Unbeholfenheit ausgesprochen scheues Wort, das sich selten aus der Deckung seines geschützten natürlichen Habitats (Ordnungsbehörden und Deutsche Bahn) herauswagt. Es bezeichnet ein amtliches Identitätsdokument, welches mit einem Lichtbild des Identitätsdokumentsinhabers versehen ist. Jaja, ein Lichtbild:

Du Lichtbild, das, wenn's einmal nur erscheint, Im Herzen anfacht, selbst im welken, kalten, Das man für Lust und Schmerz erstorben meint ... (Justinus Kerner, An die Prinzessin Marie von Württemberg, 1833).
Ein gemeines Auge sieht in der schönen Seele nur einzelne Lichtblike, wo hingegen das gesalbte Auge das ganze innerliche Lichtbild erblikt (Schubart, Leben und Gesinnungen, 1791-93).

Tja, wenn wir jetzt die Sprachgeschichte nicht hätten, hätten Sie Pech gehabt, lieber Leser. Wer keine so verklärende Seelen-Lichtgestalt darstellt, hätte eben keinen Pass gekriegt.

Gottseidank ging die Geschichte aber noch weiter und ein gewisser Joseph Nicéphore Niépce erfand im Jahr 1826 die erste Heliographie, den Vorläufer der Photographie (die Einzelheiten können Sie nun wirklich woanders nachlesen!), und da haben wir's schon: Photo-Graphie = Licht-Malung, oder, wie das Grimmsche Wörterbuch unter dem Stichwort lichtbild n. so schön definiert: "ein durch einwirkung des lichts auf eine dazu chemisch vorbereitete platte hergestelltes bild (daguerreotypie, photographie)."

Das Kompositum Lichtbildausweis kennt der alte Grimm allerdings noch nicht, das entsteht erst in den 1920er Jahren. Und so kurz nach dem 1. Weltkrieg konnte man natürlich nicht das irgendwie welsche Photographie verwenden. Griechisch hin oder her.

Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhundert hatte es der Lichtbildausweis allerdings nicht leicht, schon weil irgendwann jeder Ausweis ein Bild enthalten musste und immer seltener jemand versuchte, statt des Lichtbilds eine Ölminiatur in seinen Reisepass zu schmuggeln. Mal sehen, wie es weitergeht.

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