„Panini naturale“ oder Wer kriegt den letzten Spaghetto?

Januar 2018

In unserem beschaulichen thüringischen Universitätsstädtchen gibt es vorzügliche Bäckereien, nichts zu sagen. Und da steht man dann morgens halbwach und wartet, bis das durch die Maschine geröchelt ist, was mein germanistischer Kollege S. als "befleckte Milch" bezeichnet. Also der erste Latte macchiato des Tages, und wir machen hier jetzt keine blöden Latte-Witze mehr.

Da steht man nun als Sprachwissenschaftler, lässt den Blick schweifen und ... seufz. Hier gab es bis vor kurzem allen Ernstes etwas namens Topfenstrudel. Wie gesagt, bis vor kurzem, denn offensichtlich hat sich meine österreichische Oma inzwischen oft genug im Grab rumgedreht.

Ein Strudel, Ihr Lieben, ist eine hauchzarte Mehlspeise mit möglichst viel Füllung in einer möglichst dünnen Teighülle. Durchan Strudlteig, pflegte meine Oma in ihrem ergreifend scheußlichen nordmährischen Gebirgsdialekt zu sagen, muus ma kennen Zeitungläsn. Und was da in der Bäckereivitrine liegt, ist schlicht und einfach eine Quarktasche aus tonnenschwerem Plunderteig. Sie heißt aber immer noch Topfentasche. Wie um alles in der Welt kommt der Topfen nach Thüringen? Hat er sich verfahren, wie neulich die Schrippe, die mir am Münchner Hauptbahnhof allen Ernstes zu einer Wurst offeriert wurde? Oder ist Quark aus irgendwelchen Gründen jetzt nicht mehr politisch korrekt? Fühlt sich so ein Gebäckstück irgendwie diskriminiert, wenn man es mit einem Wort bezeichnet, das im Deutschen auch "Quatsch" bedeuten kann? Fragen über Fragen.

Der Latte röchelt, der Blick schweift weiter ... seufz. Panini naturale. Und da kommt auch schon eine Kundin und will eines kaufen. Nämlich ein Panini. Naja, natürlich ist Italien das Sehnsuchtsland der Deutschen, und die Älteren erinnern sich vielleicht noch an die paradiesischen Zeiten, als an italienischen Bahnsteigen immer ein junger Mann mit einem Imbisswägelchen stand und markerschütternd brüllte "panniiiiiiiiini-bibiiiiiiiiite-birrrrrrra". Der durfte das, der hatte nämlich immer mehrere Brötchen vorrätig, und panini ist Plural; naturale ist leider Singular. Was uns hier also bevorsteht, ist wiedermal die Bildung eines Neoplurals zu einem Wort, das eigentlich sowieso schon pluralisch ist: ein panini, zwei paninis. Das ist uns beim Spaghetto auch schon mal passiert, aber das ist schon dadurch entschuldigt, dass einem da Einzelstücke ausgesprochen selten unterkommen. Naja, vielleicht in ärmlichen Studentenhaushalten... in sehr ärmlichen.

Und wenn der Latte ausgeröchelt hat, verlässt man die Bäckerei mit den letzten Fragen: Was sind denn eigentlich "natürliche Brötchen"? Auf welchem Strauch wachsen sie? Oder muss man sie aus der Erde buddeln wie Erdäpfel? Wachsen sie im Beet wie Karfiol oder Vogerlsalat? Oder unterscheiden sie sich von unnatürlichen Brötchen nur durch die Freilandhaltung?

Und in der Mittagspause geh ich ins Bistro und ess ein paar Notschi.

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