Glutééén

Juli 2018

Haben Sie auch Glutéhn? Das hat man jetzt. „Nicht-zöliakische Glutensensitivität“ heißt das jetzt, wenn man vom Eiweißkleber im Getreide Bauchgrummeln kriegt. Naja, jeder, wie er mag.

Was hingegen keine Geschmackssache ist, sind die lateinischen Betonungsregeln, die sind seit ungefähr zweieinhalbtausend Jahren bekannt. Weiß man einfach, nicht wahr, Marcel-Alexander, das habt ihr doch neulich in der Krabbelgruppe schon besprochen, gell? Im Lateinischen betont man ... na? Richtig. Nach der Paenultimaregel, genau. Und das bedeutet, na, Maibritt-Luise? Eben: Die vorletzte Silbe (Paenultima) wird betont, wenn sie lang ist, sonst die vorletzte (Antepaenultima). - Woraus logisch folgt, hm, Klaus-Friedrich? Daraus folgt, genau, dass es keine lateinischen Wörter gibt, die auf der allerletzten Silbe betont sind. Also wirklich gar keine. Kein einziges.

Sollte das Wort also etwa nicht lateinisch sein? Da sei der Heilige Stowasser vor, denn da steht: gluten, glutinis n. „Klebstoff“.

Also, was ist da jetzt wieder los? Denn selbst wenn man zu den bedauernswerten Zeitgenossen gehört, denen die Erlernung des Lateinischen inhumanerweise versagt worden ist – wir haben da im Deutschen außerdem noch eine Notfallregel für Wortexoten, bei denen man nicht weiß, wo der Akzent anständigerweise hingehört: Nach dieser Deppenregel wird in Zweifelsfällen immer die vorletzte Silbe betont, und so wird z.B. eine Nachrichtensprecherin, die onomastisch gesehen vom Sohn eines Christan abstammen muss, Christiánsen akzentuiert, und ein glutäugiger Fußballspieler mit eingebautem armenischem Endsilbenakzent wird im Deutschen zu Mechitárian (oder so ähnlich) versaubeutelt. Tja, Pech gehabt.

Aber wieso nützt das jetzt dem guten alten Glúten nichts? Ich sag’s Ihnen: Weil Glutén einfach intellektueller klingt. Irgendwie mehr so medizinisch-wissenschaftlich, wie Kollagén oder Glycosylierungsenzym oder Polypropylen oder wie das Teufelszeug noch heißt, das ist natürlich alles griechisch und braucht sich um lateinische Betonung nicht zu scheren, aber egal. Und sobald dann auch noch kompetent wirkende Sympathieträger im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Modewort wie Gluten falsch aussprechen (Vielen Dank, Herr von Hirschhausen!), dann isch over.

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