Etymologie

Seher

Ab dem Änhd. ist das Subst. Seher zur Bezeichnung der Augen von Wild und Niederwild bezeugt: der kopf (des Dachses) ist breit, fast wie beim fuchs dreieckig, in einen kurzen stumpfen wurf auslaufend, mit kleinen abgerundeten, seitwärts stehenden lauschern, kleinen schwarzbraunen sehern (Thüngen weidm. Practica 163; 18. Jh., nach DTA); vom Blick Gottes: von deinem Antlitz wandelt, Unendlicher, dein Blick, der Seher, durch mein eröffnet Herz (Klopstock Werke 1, 56, nach DTA). Im Änhd., Frnhd., Mhd. gibt das fem. Subst. Sehe, sëhe "Sehkraft; Augapfel, Pupille", im Mhd. meist in Verbindung mit ouge: die sehen des ougen gl. pupilla, mîner ougen sehe "meine Pupille". Seher ist bezeugt, aber nur in der Bedeutung als "Person mit besonderer Voraussicht; Weissager, Prophet"; ähnliche Verhältnisse im Ahd: seha fem. "Sehkraft; Augapfel, Pupille", daneben gibt es ein mask. seho "Auge, Augapfel, Pupille". Ahd. sehāri "Seher" bezeichnet nur den "Weissager, Prophet".
Seher ist ein Nomen agentis mit dem häufigen Suffix -er zum st. Verb sehen (sah, gesehen). Vielleicht ersetzt diese äußerst produktive Bildung die älteren Wörter änhd., frnhd. und mhd. sehe f. und ahd. seha f. bzw. seho m. "Auge, Augapfel, Pupille", weil sie im Nhd. deutlicher markiert ist als nhd. Sehe. Campe verzeichnet das Wort allerdings mit dem Zusatz „niedriges, aber deshalb noch nicht verwerfliches Wort“ und gibt als eine Bedeutung "Werkzeug des Sehens, Auge": „so nennen die Jäger die Augen des Hasen“.
Ahd. sehāri, mhd. sëher, bezeichnen ausschließlich eine "Person mit besonderer Voraussicht; Weissager, Prophet". Nur in der neueren Jägerfachsprache wird Seher als Ausdruck für die Augen von Wildtieren verwendet; wahrscheinlich löst es als deutlicher markierte Form ein älteres Subst. f./m. sehe "Auge, Pupille" (so noch im 19. Jh.) ab.
Seher als Nomen agentis ist vom st. Verb sehen (sah, gesehen), ahd. sehan, abgeleitet. In anderen germanischen Sprachen entsprichen asächs. sehan, got. saiƕan, anord. sjá, aengl. sēon, afries. siā. Diese führen auf ein german. Verb sehw-a- "sehen". Die zugrundeliegende uridg. Wurzel ist *seku- "sich anschließen, folgen", das in einigen Sprachen die Bedeutung "sehen" aus "mit den Augen folgen" entwickelt hat (LIV² 525f. u. Anm.7): air. rosc "Auge" < *pro-seku-o-, alban. sheh "sieht, schaut", heth. sakuwa Pl. "Augen".

Literatur:
DTA = Deutsches Textarchiv (ww.deutschestextarchiv.de)
EWAia = Mayrhofer, Manfred 1992–2001: Etymologisches Wörterbuch des Altindoarischen. 3 Bde. Heidelberg: Winter.
Goebel, Ulrich/Reichmann, Oskar 1986–: Frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Begr. von Robert R. Anderson, Ulrich Goebel, Oskar Reichmann. Bd. 1–. Berlin u.a.: de Gruyter.
Grimm, Jacob/Grimm, Wilhelm 1854–1954: Deutsches Wörterbuch. Bd. 1–16 (und Quellenverzeichnis, 1971). Leipzig: Hirzel. (Nachdruck der Erstausgabe 1999: Bd. 1–33) München: Deutscher Taschenbuch-Verlag. Auch als CD-ROM 2004: Der digitale Grimm. Frankfurt am Main: Zweitausendeins. Auch unter: www.woerterbuchnetz.de.
Kloekhorst, Alwin 2008: Etymological Dictionary of the Hittite Inherited Lexicon. Leiden: Brill.
Kluge, Friedrich 2011: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Begr. Friedrich Kluge, Bearb. Elmar Seebold. 25., durchges. und erw. Auflage. Berlin u.a.: de Gruyter.
Köbler, Gerhard: Althochdeutsches Wörterbuch, 4 Auflage, online uter http://www.koeblergerhard.de/ahdwbhin.html.
Kroonen, Guus 2013: Etymological Dictionary of Proto-Germanic, Leiden-Boston: Brill.
Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig 1872-1878.
Matasović, Ranko 2009: Etymological Dictionary of Proto-Celtic. Leiden & Boston: Brill.
Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Mit Benutzung des Nachlasses von Georg Friedrich Benecke ausgearbeitet von Wilhelm Müller und Friedrich Zarncke. 3 Bde. Leipzig 1854-1866. Online auch unter http://woerterbuchnetz.de/BMZ/
Pfeifer, Wolfgang (Hg.) 1993: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2 Bde. 2., durchges. u. erg. Aufl. Berlin: Akad. Verl.
Rix, Helmut/Kümmel, Martin 2001: Lexikon der indogermanischen Verben: LIV; die Wurzeln und ihre Primärstammbildungen. Unter Leitung von Helmut Rix und der Mitarbeit vieler anderer bearb. von Martin Kümmel, Thomas Zehnder, Reiner Lipp, Brigitte Schirmer. 2., erw. und verb. Aufl., bearb. von Martin Kümmel und Helmut Rix. Wiesbaden: Reichert.
 

Autorin: Sabine Ziegler